Im SOS-Kinderdorf von Lauro de Freitas

Am Anfang des Jahren beschließe ich, meinen Sommerurlaub nicht für Sonne, Strand, Meer und Relaxen zu verwenden, sondern möchte mich aktiv für ein soziales, zahnärztliche Projekt im Ausland engagieren. Und für mich ist klar, das Projekt sollte in Brasilien sein. Die sozialen Verhältnisse und ihre Auswirkungen auf die ärmsten Schichten der Bevölkerung kenne ich gut von meinen vorherigen Aufenthalten in diesem Land.

Über den Kontakt zu den beiden Vorsitzenden der AZB plus, Dr. Utz Wagner (Karlsruhe-Durlach) und Dr. Gerd Pfeffer (Salvador de Bahia, Zahnarzt und Projektleiter vor Ort in Brasilien) kann mein Einsatz kurzfristig im August für zwei Wochen organisiert werden.
Mit einem Non-Stop Direktflug von Condor komme ich sonntags in Salvador de Bahia an.  
Gerd holt mich persönlich am Flughafen ab und wir machen uns sogleich an die Arbeit. Das Dentomobil muss noch von seinem Wohnort in das nahe gelegene SOS Kinderdorf gebracht und aufgebaut werden. Nach kurzem Anschleppen mit dem Geländewagen ist das Dentomobil flott und wir fahren los. Im SOS Kinderdorf wurden wir schon vom Leiter erwartet. Er begrüßt uns sehr herzlich und freut sich sehr, dass ein Zahnarzt die elternlosen Kinder und die Angestellten des Dorfes in den nächsten zwei Wochen untersuchen und behandeln wird. Für den Aufbau des Dentomobils muss das Fahrzeug zunächst aufgebockt, die seitlichen Rampen herabgelassen und eine zusätzliche Zeltplane über das Dach als Hitzeschutz angebracht werden. Dann werden Wasser, Strom, Kompressor, Absaugung und Steri installiert. Insgesamt brauchen wir beide ca. 4 Stunden.

Am Montag kann ich gleich loslegen. Alles ist bereits so organisiert, dass alle Kinder aus dem SOS-Kinderdorf und die aus dem dazugehörigen Kindergarten untersucht und bei Bedarf behandelt werden sollen. Die jeweiligen Erzieherinnen bringen die Kinder in Gruppen zu uns ans Dentomobil. 

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Zu meinem Team gehören unsere brasilianische Assistentin Cleide und Fabio, der sich hauptsächlich um die Technik und die Sterilisationen kümmert. Beide sind aus Lauro de Freitas und kennen sich mit den Gegebenheiten bestens aus. Bei Unklarheiten oder irgendwelchen Schwierigkeiten zu organisatorischen Dingen, die in Brasilien eigentlich immer auftreten, sind sie eine große Hilfe für mich. Bald gesellt sich auch Edson dazu, ein bereits 18jähriger Junge aus dem SOS-Kinderdorf, der sich sehr für die Zahnmedizin interessiert und bei uns ein zahnärztliches Praktikum absolvieren kann.
Meine hauptsächliche Tätigkeit besteht aus dem Extrahieren von zerstörten Zähnen, Füllungen legen und Zahnsteinentfernung.

Für mich als Kieferorthopäden ist es immer wieder eine Herausforderung allgemein zahnärztlich und zahnärztlich chirurgisch tätig zu werden. Die meisten zahnärztlichen Materialien sind vor Ort vorhanden. In der Regel werden einfache Amalgamfüllungen gelegt. Die Anästhetika habe ich mir aus Deutschland mitgebracht. Mit dem mechanisch zu verstellenden aber fest installierten Behandlungsstuhl im Dentomobil kann ich erstaunlich gut arbeiten. Ein Röntgengerät steht natürlich nicht zur Verfügung, was die Einschätzung eines zu extrahierenden Zahnes nicht vereinfacht. Aber es findet sich immer ein Lösung, auch wenn es einem ab und zu die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Und es ist immer wieder erfreulich, wie dankbar die Patienten für eine Behandlung sind. Neben der konzentrierten zahnärztlichen Arbeit haben wir auch jede Menge Spaß mit den Patienten und den Leuten, die immer wieder vorbeischauen und interessiert nach unserer Arbeit fragen.

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Zum Mittagessen werden wir im Team jeden Tag zu einer anderen Pflegefamilie im SOS-Kinderdorf eingeladen. Es ist schön, dadurch einen kleinen Einblick in die Situation der Familienkonstellationen zu bekommen. In der Regel leben in solch einem Haus 6 bis 12 Kinder (Mädchen und Jungen gemischt) jeden Alters mit einer Pflegemutter zusammen. Die Mutter kümmert sich um die Kinder bis zu ihrem18. Lebensjahr, dann müssen sie die Familie verlassen. Die Kinder kennen ihre leiblichen Eltern selten oder haben keinen Kontakt zu ihnen. Einige schaffen es, ein Stipendium oder eine Berufsausbildung zu erhalten.

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Meine Einsatzzeit vergeht wie im Flug. Die immer wieder neuen Eindrücke von diesem wunderschönen Land mit seinen freundlichen Menschen bleiben in Erinnerung. Diese Arbeit gibt mir wieder die Kraft, die ich brauche, um zu Hause in Deutschland die immer komplizierteren Anforderungen an meinen Beruf bestehen zu können.

Brasilien – ich komme wieder!

Dr. Matthias Moser, Karlsruhe, August 2008