Das gelobte Land

Ein Auswanderer aus dem schwäbischen Heubach lebt seit über zehn Jahren in dem kleinen Ort Nova Canaan (zu deutsch Neu Kannaan), irgendwo mitten im Süden des Bundestaates Bahia. Wolfgang Wihan ist ein 1,90 Meter großer, kräftiger Mann mit einem breiten Kreuz und einem großen Herz für bedürftige Menschen. Wenn er von seinen Schwierigkeiten erzählt, die er beim Aufbau eines funktionierenden Gemeinwesens erfahren hat, verfolgt der Zuhörer das mit unglaublichem Staunen.

In den ländlichen Regionen Brasiliens ist Korruption ein weit verbreitetes Übel. Auch öffentliche Gesundheitseinrichtungen leiden darunter. So hat der engagierte Schwabe verschiedenste Geräte für die Verbesserung der medizinischen Versorgung mit Spendengeldern aus Deutschland nach Nova Canaan gebracht. Sogar ein ausrangierter, deutscher Notarztwagen tut dort wieder seinen Dienst!

Aber wenn einmal etwas defekt ist, dann müssen die Ersatzteile aus Deutschland geholt werden. Das dauert dann schon mal bis zu vier Wochen, da darf keiner ernsthaft krank werden. Auf der Suche nach zahnmedizinischer Versorgung stößt Wolfgang Wihan auf die Aktionsgemeinschaft Zahnarzthilfe Brasilien e.V., die seit 19 Jahren in Brasilien humanitär tätig ist. In Salvador, der Hauptstadt des Bundesstaates von Bahia, hat Dr. Gerd Pfeffer eine eigene Zahnarztpraxis und organisiert von dort die Brasilieneinsätze für unsere deutschen Zahnärzte.

Die Herren Pfeffer und Wihan kennen sich bereits von Treffen im deutschen Konsulat.
Das trifft sich gut, denn im Sommer 2009 ist die AZB auf der Suche nach einem geeigneten Einsatzort.

Unser Mann Vor Ort: Wolfgang Wihan
 

Es finden einige Gespräche statt und die AZB plus entschließt sich, eine Zahnarzteinheit im Gemeindehaus von Nova Canaan einzurichten. Mit der Einheit im Gepäck reisen Dr. Pfeffer und ein brasilianischer Dentaltechniker dann im November in den Süden Bahias, um den Stuhl samt technischem Zubehör funktionstüchtig aufzubauen. Ich, der Karlsruher Kieferorthopäde Dr. Matthias Moser und zwei weitere Kollegen sind die ersten, die vor Ort behandeln. Mit vollgepacktem Auto fahren wir die 700 km von Salvador nach Nova Canaan. Voll beladen mit Materialien, die zur täglichen zahnärztlichen Behandlung für die nächsten Wochen reichen sollten, denn das nächste Dentaldepot ist über 200 km entfernt. Alles muss im Vorfeld bestens geplant sein, damit für die Behandlungen nichts fehlt!

Die Landschaft wechselt von Palmen über endlose Zuckerrohrfelder bis zu Kaffeeplantagen in den Höhen. Manchmal fühlt man sich fast ins Allgäu versetzt,die Landschaft ist sehr grün und ausgesprochen bergig. Gegen Abend parken wir endlich vor der „Casa do Alemao“, wie das Wihan'sche Wohnhaus von den Einwohnern liebevoll genannt wird. Der Ort besteht lediglich aus einer ein kilometerlangen Hauptstraße und seinen Häusern links und rechts davon. Auf den Farmen im Umland leben ca. 20.000 Menschen, die Landarbeiter mit ihren Familien, die bettelarm sind und sich keine zahnärztliche Behandlung leisten können.

Nach einem reichhaltigem Mahl mit deutschem, selbstgebackenem Brot und viel Bier fallen wir in den Gästezimmern des Hauses in tiefen Schlaf. Der nächste Morgen beginnt für uns um 6 Uhr.  Im örtlichen Radio wird bereits berichtet, dass die deutschen Zahnärzte eingetroffen sind. Auf Patienten müssen wir nicht lange warten. Mittags beginnt das Team mit den ersten Behandlungen.

Wie so oft in Brasilien, wir beobachten dieses Phänomen seit vielen Jahren, werden zuerst die Kinder vorgeschickt. Sie sollen mutig den Test machen. Dann kommen auch die Mütter und nach einigen Tagen „trauen“ sich dann auch die Väter auf den Stuhl.
Wir versuchen so viel wie möglich zu behandeln. Das heißt, ein Patient bekommt zwei, drei Füllungen und die Wurzelreste werden entfernt, wir rechnen ca. eine halbe Stunde pro Patient. Allerdings steht hier auch  nur einen Behandlungsstuhl zur Verfügung. So könnten wir am Tag 60 bis 80 Patienten behandeln!

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Die Technik ist möglichst einfach eingerichtet, so das der Zahnarzt notfalls vor Ort selbst reparieren kann. Außerdem steht uns auch der „Alemao“ Wihan mit seinem deutschen Werkzeug zur Seite. Aber bei Stromausfall oder Wassermangel müssen wir die Patienten leider zeitweise nach Hause schicken.

Dr. Utz Wagner, Karlsruhe, November 2009